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Das Märchen von der Königin der offenen Türen


Es war einmal ...


...eine junge Frau. Die betrat eines Tages einen Raum, der von dem Licht hundert offener Türen durchflutet wurde. Durch jede dieser Türen konnte sie einen Blick in eine andere Welt erhaschen. Viele davon gefielen ihr so gut, dass sie gar nicht wusste, durch welche Türe sie jetzt gehen sollte. Der Gedanke daran, nie erfahren zu können, wie es ihr ergangen wäre, wenn sie eine andere Tür gewählt hätte, gefiel ihr überhaupt nicht. Also setzte sie sich auf den Boden, um sich die Türen genauer anzuschauen. Und je mehr sie schaute, desto mehr entdeckte sie. Schönes und Hässliches, Helles und Dunkles. Selbst hinter der Türe, die ihr eben noch als die Verlockendste erschien, fand sie das Dunkle im Licht.

Viele Leute kamen durch den Raum. Manche hasteten an ihr vorbei, manche gingen zögernd durch die nächste Tür, manche verharrten eine Weile staunend neben ihr in der Mitte des Raumes. Aber die junge Frau blieb sitzen, fasziniert von all den offenen Türen, während sich die Sonne und der Mond in den Welten um sie her abwechselten.

Eines Tages...


... kam ein kleiner Junge an ihr vorbei und fragte sie mit großen, blauen Augen: „Willst du nicht auch einmal durch eine dieser Türen gehen?“ Die Frau, die mittlerweile gar nicht mehr so jung war, schaute ihn ganz verwundert an „Warum sollte ich? Hier habe ich doch alle Welten. Und von allen scheint ihr Licht auf mich und ihre Schatten sehe ich nur aus der Ferne. Kann es einen besseren Ort geben?“ Der Junge runzelte die Stirn. „Aber wenn du nie in eine der Welten gehst, dann weißt du doch nie, wie es dort wirklich ist. Und dann hast du in Wahrheit doch gar nicht alle Welten, sondern nur die Türen, oder?“


Die Frau öffnete gerade den Mund, um etwas zu erwidern, da nahm ein blondes Mädchen den Jungen bei der Hand und flüsterte:

„Komm schon Brüderchen! Siehst du nicht? Das ist die Königin der offenen Türen. Sie möchte sicher nicht von dir gestört werden.“

Der Junge warf der Frau einen letzten Blick über die Schulter zu. Dann sprang er leichtfüßig seiner Schwester hinterher, scheinbar wahllos durch eine der hundert Türen am anderen Ende des Raumes. Die Frau schaute ihnen hinterher. Vielleicht sollte sie doch einmal…Aber nein! Was würde dann aus ihren anderen offenen Türen werden? Und was wussten diese Kinder schon? Was wussten sie alle? Sie war die Königin der offenen Türen und das war doch mehr als man sich wünschen konnte. Oder?

Dann kam es eines Tages, dass aus einer der Türen, hinter denen soeben die Sonne versunken war, ein großer Sturm aufbrauste. Donner grollte und Blitze fuhren zu Boden, so grell, dass die Königin ihre Augen schließen musste. Ein Windstoß, so heftig wie sie ihn noch nie erfahren hatte, fegte in den Raum hinein, peitschte ihr die Haare ins Gesicht und schlug mit einem großen Krachen alle Türen zu, an denen er vorbeifegte. Mit Schreck in den Augen sprang die Königin auf. Ihr Schrei ging im Getöse unter, als der Wind auch die Tür zuschlug, hinter der sie soeben ihre liebste Welt entdeckt zu haben glaubte. Sie geriet ins Taumeln und fiel auf die Knie. Ein Windstoß zerriss ihr schönes Kleid. Sie wimmerte. Der Donner war ohrenbetäubend. Und dann… Dann kam die Flut. Aus eben der Türe, aus der das Chaos in ihr Königreich hereingebrochen war, ergoss sich eine reißende, dunkle Wassermasse, die den Raum bis zur Decke füllte. Mit Entsetzen in den Augen rannte sie los, stolpernd und hektisch tastend, bis sie die einzige noch offene Türe fand. Sie stürzte durch den Rahmen und schlug die Tür hinter sich zu.

Stille.


Erschöpft lehnte sie ihren Rücken gegen die Tür hinter sich. Allmählich beruhigte sich ihr Atem und ihre Sicht wurde klarer. Licht und Schatten konnte sie erkennen. Sie zogen sich durch diese Welt, wie durch alle Welten, in die sie durch die hundert Türen gespäht hatte. Aber hätte sie sich diese ausgesucht, wenn sie noch eine Wahl gehabt hätte? Sie machte ein paar zögernde Schritte in die fremde Welt. Und ihr Kummer über ihr verlorenes Königreich der offenen Türen verflogen schnell, als sie erkannte, dass es auch in dieser Welt viele, neue Türen gab, durch die Licht und Schatten fiel. Sie schaute an sich herab. Ihre Kleider hingen ihr in Fetzen am Leib. Dann dachte sie an die Worte des blonden Mädchens und an die blauen, fragenden Augen des kleinen Jungen. Wahrlich. Das waren nicht die Kleider einer Königin. Aber das war sie wohl auch nie gewesen… Denn was hatte der Junge gemeint? Wer es nicht riskiert, sich einmal für eine Welt zu entscheiden, der hat in Wahrheit nicht alle Welten, die ihm offen stehen. Der hat nur die offenen Türen… Und so machte sich die Frau beherzt auf den Weg. Sie durchquerte den Raum. Bestaunte das Spiel aus Licht und Schatten, unterhielt sich mit den Leuten, denen sie auf ihrem Weg begegnete und erfuhr Glückliches und Trauriges. Als sie an einer Tür vorbeikam, die ihr gut erschien, da fasste sie sich ein Herz und ging hindurch. Und so wanderte die Frau durch die Welten. Von einer Tür zur nächsten. Ihre Schritte wurden leichter, genauso wie ihr Herz, mit jeder Tür durch die sie schritt und mit jeder Welt die sie hinter sich ließ. Niemand nannte sie mehr eine Königin. Aber sie wusste: Sie war immer dort, wo sie hingehörte. Auf Wanderschaft. Auf Wanderschaft durch die Welt, die in diesem Moment vor ihren Füßen lag.



Und am Ende ihres Weges lächelte sie. Dankbar für jede Begegnung, dankbar für jede Tür, dankbar für den Sturm, der sie aus ihrem Königreich vertrieben hatte. Denn wäre sie für immer die Königin der offenen Türen geblieben, dann hätte sie nie das größte Geheimnis dieser Welten erfahren:

Denn in Wahrheit gibt es immer nur diese EINE Welt, die es zu durchleben gilt. Die Welt, die sich in diesem Moment vor dir auftut.


- by Xenia Greta (@xenia.greta) Mindfulness- und Yogaguide

Images © - Xenia Greta

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